Monatsarchiv: Oktober 2011

Die Vereinigten Staaten von Europa: eine vergessene Idee

In diesen Tagen ist es nicht besonders populär, die Idee der europäischen Einigung zu verteidigen. In Anbetracht der – im übrigen nicht allein von den Griechen verschuldeten griechischen Tragödie, die wir tagtäglich in den Medien mitverfolgen, scheint die EU als Ganzes angeschlagen. Sie wirkt ratlos in ihrem Ringen um einen Ausweg aus der Krise. Die Europaskeptiker, die schon immer unkten, dass diese Union keine Zukunft hätte, feiern fröhliche Urständ. Und jene, die trotz allem noch auf Europa setzen, machen dies nicht mit Enthusiasmus für die große Idee, sondern aus nüchternem Pragmatismus, um  – wie sie meinen – noch größeres Unheil abzuwenden. Doch auch wenn wir uns heute kaum daran erinnern können oder wollen, so begann doch alles mit einer großen Idee. Einer Idee, welche wir Jüngeren, die aufgrund der Gnade der späten Geburt keinen Krieg erlebt haben, nicht mehr wirklich nachvollziehen können, die uns romantisch, verklärt und überholt erscheint, die Idee nämlich eines friedlichen Europas, das nationalstaatliche Reibereien und nationalistischen Kleingeist überwindet und sich aufmacht, um ein großes föderalistisches Projekt zu realisieren: die Vereinigten Staaten von Europa. Diese Idee einer supranationalen europäischen Einigung wurde übrigens ganz maßgeblich schon in der Zwischenkriegszeit von dem Österreicher Richard Coudenhove-Kalergi vorangetrieben, der die Paneuropa-Bewegung gründete und diese in einem europaweit viel beachteten Buch schon 1923 konkretisierte. Trotz vieler Anhänger in politischen, künstlerischen und intellektuellen Kreisen wie Konrad Adenauer, Bruno Kreisky, Sigmund Freud, Albert Einstein, Aristide Briand, José Ortega y Gasset, Paul Valéry, Rainer Maria Rilke oder Stefan Zweig – wurde erst nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges  konkreter über die Umsetzung der Vereinigten Staaten von Europa verhandelt. Churchill schlug sie vor, Jean Monnet konzipierte sie und Robert Schuman leitete sie ein. Adenauer machte mit. Die Schritte, die gegangen wurden, waren aus politischer Sicht bis dahin undenkbar gewesen: Erstmals gaben Nationalstaaten freiwillig Komptenzen an eine supranationale Ebene ab. Von Anfang an ging es nicht bloß um eine Wirtschaftsgemeinschaft, sondern um ein politisches Projekt, das auch konkrete politische Strukturen und Entscheidungsprozesse entwickelte. Zu den Vereinigten Staaten von Europa kam es trotzdem nicht, denn immer wieder bremsten einzelne Mitgliedstaaten, wenn es um eine weitere Einigung ging, wie zuletzt im Jahre 2005, als der Verfassungsvertrag scheiterte. Und so stehen wir auch in diesen Tagen wiederum vor der Frage, ob wir mehr oder weniger Europa wollen, ob Solidarität über nationale Grenzen hinaus gelten oder ob sie sich wieder zurückziehen soll in ihre staatlichen vier Wände, so wie es vor dem Zweiten Weltkrieg war. Die Lektüre von Coudenhove-Kalergis Buch „Paneuropa“ wäre gerade jetzt wieder besonders lohnend. Ein Plädoyer für Europa findet sich auch in Anton Pelinkas neuem Werk (Titel „Europa – ein Plädoyer“). Und auch das Zentrum für Zukunftsstudien hat an einem kürzlich erschienenen Sammelband mitgearbeitet, der den Titel „United Dreams of Europe“ trägt: http://www.uniteddreamsofeurope.eu/the-book

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Zukunft:Politik

Nobelpreisträger haufenweise

Vor wenigen Tagen war es wieder soweit – der gesamte akademische Hochadel des Fachbereichs Ökonomie blickte gespannt Richtung Norden um zu erfahren welche außergewöhnlichen Leistungen von der schwedischen Reichsbank mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bedacht werden.  Die Auserwählten in diesem Jahr sind die beiden US-Amerikaner Christopher Sims (Princeton University) und Thomas Sargent (New York University), deren Auswahl (nicht nur für sie selbst) eine Überraschung darstellt.

Tatsächlich hatte man bei der Bestellung der Ökonomienobelpreise der letzten Jahre das Gefühl, dass in der Folge der Finanzkrise vermehrt Kritiker gängiger konservativ liberaler Paradigmen ausgewählt wurden. So löste im Jahr 2008 die Vergabe des Preises an Paul Krugman, einen wortstarken Kritiker der Bush-Administration, eine handfeste Diskussion in den USA aus. Dabei wurde laut über die Bevorzugung „linker“ Ökonomen nachgedacht. Im Folgejahr wurden mit Elinor Ostrom (die erste Frau, die jemals einen Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat!) und Oliver E. Williamson zwei Wissenschaftler mit Fokus auf marktfernen Prozessen ausgezeichnet, die wahrscheinlich ohne einen gewissen „Krisenbonus“ nicht berücksichtigt worden wären. Dieser Trend zeigte sich auch bei der Vergabe des Nobelpreises 2010 an Peter Diamond (dem Doktorvater des mächtigen Ben Bernanke), Dale Mortensen und Christopher Pissarides, die mit ihren Studien zur Suchtheorie auf Arbeitsmärkten darauf hinwiesen, dass das freie Spiel von Angebot und Nachfrage in der Realität nicht zwingend zu einem Vollbeschäftigungs-Gleichgewicht führen muss.

Vor diesem Hintergrund stellt die diesjährige Ehrung von Sims und Sargent insofern einen Stilbruch dar, als dass es sich bei den beiden um mathematisch äußerst versierte Ökonomen handelt, deren Modelle von der Theorie der rationalen Erwartungen nach Robert Lucas (Nobelpreisträger 1995) geprägt sind. In den Nachwehen der Finanz- und Wirtschaftskrise war es vor allem diese ökonomische Denkschule, die mit ihrer stark ausgeprägten formalen Modellierungswut ins Zentrum der Kritik rückte. Durch die Wahl von Sims und Sargent scheint es beinahe so als ob der Krisenbonus der schwedischen Reichsbank trotz anhaltender Krise bereits ausgeschöpft wäre. Bleibt zu hoffen, dass es im nächsten Jahr zu keiner Renaissance der „krisengetriebenen“ Nominierungen kommen wird, weil sich das Nobelpreiskomitee gezwungen sieht die Auszeichnung an Stagnationstheoretiker zu vergeben.

Kommentare deaktiviert für Nobelpreisträger haufenweise

Eingeordnet unter Zukunft:Ökonomie

50 Jahre Einwanderung aus der Türkei – auch bald in Österreich

Am 30. Oktober 1961 wurde zwischen Deutschland und der
Türkei ein Abkommen zur „Anwer­bung und Ver­mitt­lung aus­län­di­scher
Ar­beit­neh­mer“ geschlossen, mit dem gezielt „Gastarbeiter“ angeworben wurden.
Auch Österreich hatte ein vergleichbares Abkommen mit der Türkei, das knapp
zwei Jahre später, am 15. Mai 1963, in Kraft trat.

Die Titulierung „Gastarbeiter“ gibt eine Vorstellung der
damaligen Sicht auf Migration wieder: MigrantInnen waren willkommen als Gäste,
die für eine gewisse Zeit arbeiten sollten, um anschließend wieder in ihre
Heimat zurück zu kehren. Längst ist bekannt, dass sich die Geschichte – oft
auch aus Sicht der MigrantInnen – anders als erwartet und geplant entwickelt
hat.

Mittlerweile wird unter MigrantInnen nur noch eine Teilmenge
der „Menschen mit Migrationshintergrund“ verstanden, die auch in Deutschland
Geborene mit Eltern aus anderen Ländern beinhaltet: die zweite Generation. Im
öffentlichen Diskurs ist sogar schon oft von der dritten und vierten Generation
die Rede, die es im sozialwissenschaftlichen Kontext gar nicht gibt, denn – so
die Begründung – die Eltern eines Migranten der dritten Generation sind ja
schon in Deutschland geboren, so dass er zumindest statistisch nicht mehr zur
Gruppe der MigrantInnen gezählt wird.

Die Realität sieht allerdings oft anders aus. Spezifische
Integrationsprobleme betreffen eine dritte und vierte Generation unter
Umständen genauso wie die Eltern- und Großelterngeneration – oder sogar noch
mehr, da sie in Fragen der Identität oft zwischen den Stühlen sitzen. Dem
Zusammenhang zwischen Identität und der Integration in den Arbeitsmarkt geht
das renommierte Institut zur Zukunft der Arbeit, Bonn (IZA) in verschiedenen
Diskussionspapieren nach. Es handelt sich dabei um wissenschaftliche Studien
aus dem Bereich der Ökonomie.

Der Beitrag  Ethnische Identität und Erfolg am Arbeitsmarkt befasst
sich kritisch mit diesen Studien.

Kommentare deaktiviert für 50 Jahre Einwanderung aus der Türkei – auch bald in Österreich

Eingeordnet unter Zukunft:Arbeit, Zukunft:Migration

Exportorientierung nicht zukunftsfähig

Die aktuellen Wirtschaftsprognosen von IHS und WIFO prognostizieren für 2012 ein deutlich verlangsamtes Wirtschaftswachstum von lediglich 1,3% (IHS) bzw. 0,8% (WIFO). Grund ist laut WIFO-Presseaussendung das nachlassende Investitionsvolumen aufgrund von Unsicherheiten in Verbindung mit der (fälschlicherweise so genannten, Anm.) Schuldenkrise. Ein weiterer Grund dürfte wohl eher in der nachlassenden Wirtschaftskraft der Haupthandelspartner Österreichs im Euroraum (v.a. in Deutschland) liegen. Die Spar- und Konsolidierungspolitik der Eurostaaten führt zu einem Einbruch der Nachfrage in diese Länder und damit – wenig überraschend – zu einem Rückgang der österreichischen Exporte in diesen Ländern, die jedoch der Wachstumstreiber des letzten Aufschwungs waren. Aufgrund der zurückhaltenden Lohn- und Einkommenspolitik fällt die Binnennachfrage als Wachstumsmotor ebenfalls aus.

Was es braucht, ist somit Erstens eine expansive Lohn- und Einkommenspolitik zugunsten der untersten und mittleren Einkommen. Deren Konsumneigung (Anteil der Konsumausgaben am zusätzlichen Einkommen) ist weitaus höher als die der oberen Einkommensschichten. Das stärkt die inländische Nachfrage, erhöht die Importe und führt zu einer ausgeglicheneren Leistungsbilanz Österreichs mit seinen Haupthandelspartnern, und verringert so die Ungleichgewichte in der Eurozone. Innerhalb der Eurozone sind die Überschüsse des einen eben auch die Defizite des anderen. Zweitens benötigt es eine expansive Investitionspolitik mit niedrigen Realzinsen bzw. Investitionen der öffentlichen Hand in die produktiven Kapazitäten einer Volkswirtschaft (Bildung, Energieeffizienz, Verkehrseffizienz, etc.) und ein stringentes Konjunkturprogramm um die Unsicherheiten bei den Investoren abzubauen sowie Kaufkraftverluste aufzufangen. Die letzten vier Jahre (v.a. in Griechenland) haben gezeigt, dass sich ein Land eben nicht aus einer schweren Rezession heraus sparen kann. Gerade die Sparpakete und die damit verbundenen negativen bzw. niedrigen Wachstumsraten in der Eurozone beflügeln die Unsicherheiten weiter, reduzieren die Investitionstätigkeit und wirken negativ auf das Wirtschaftswachstum. Drittens braucht es einen stärkeren Fokus auf Fiskalpolitik als stabilisierendes Instrument. Die Konjunkturprogramme sind notwendiger denn je. Kurz: ein New New Deal für Europa. Eine konzertierte Kraftanstrengung mit Geld- und Fiskalpolitik, Einkommenspolitik und Re-Regulierung der Finanzmärkte.

Kommentare deaktiviert für Exportorientierung nicht zukunftsfähig

Eingeordnet unter Zukunft:Ökonomie