Zukunftstrend Genossenschaften: Zum „Internationalen Jahr der Genossenschaften“

„Cooperatives are a reminder to the international community that it is possible to pursue both economic viability and social responsibility“, so UNO Generalsekretär Ban Ki-Moon[1]

Mit dem Motto “Cooperative Enterprises Build a Better World” haben die Vereinten Nationen 2012 zum „Internationalen Jahr der Genossenschaften“ ernannt[2]. Dieser Kommentar gibt einen Überblick über die historische Entwicklung der Genossenschaftsbewegung und geht auf den allgemeinen gesellschaftlichen Nutzen der Genossenschaften und auf die  besondere Bedeutung in Krisenzeiten ein.

Verbindungen von Menschen mit gemeinschaftlichen wirtschaftlichen Interessen gibt es seit dem Mittelalter, z.B. die gemeinschaftliche Bewirtschaftung von Nutzflächen. Die Genossenschaften im heutigen Verständnis entwickelten sich Ende des 18. Jahrhundert. Robert Owen setzte 1799 mit seiner schottischen Baumwollspinnerei die ersten Akzente für die Genossenschaftsbewegung. Richtungsweisend waren neben den ersten landwirtschaftlichen Genossenschaften in Schweden und Dänemark zwei deutsche Experimente:

Im Jahr 1847 schuf  Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Weyerbusch den ersten Hilfsverein zur Unterstützung der notleidenden ländlichen Bevölkerung. 1862 gründete er den „Heddesdorfer Darlehnskassenverein“, der heute als erste Genossenschaft im Raiffeisen’schen Sinne gilt.  Zeitgleich rief Hermann Schulze-Delitzsch eine Hilfsaktion für  in Not geratene Handwerker ins Leben. 1847 gründete er die „Rohstoffassoziation“ für Tischler und Schuhmacher und 1850 den „Vorschussverein“ nach den Grundsätzen der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Diese Vorschussvereine gelten als  Vorläufer der heutigen Volksbanken.

In Österreich entstand 1851 die erste Volksbank und 1856 wurde ein Konsumverein im niederösterreichischen Teesdorf eröffnet. Im Jahr 1886 wurde die erste Raiffeisenkasse gegründet. Der Staat unterstützte alsdann die Gründung sogenannter Raiffeisendarlehenskassen. „Das genossenschaftliche Prinzip war damals sehr erfolgreich – vor allem bei Schichten, die vom Kapitalmarkt ausgeschlossen waren. Das war eine Überlebensfrage“, betonte Genossenschaftsexperte Johann Brazda von der Universität Wien. [3]

Gerade die Sonntagskassen waren ein wichtiges Instrument: Knapp 100 Bauern, Handwerker und Gewerbetreibende bezahlten ihren Geschäftsanteil an Sonntagen nach dem Kirchgang ein. Dieses Modell entwickelte sich in ganz Österreich und Ende des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Lagerhaus-Genossenschaften als Getreidelager gegründet. Heute gibt es weltweit dreimal so viele Mitglieder in Genossenschaften (rund eine Milliarde Menschen) als Aktieninhaber. Allein in der Europäischen Union leben 140 Millionen Genossenschaftsmitglieder.

Nach der gesetzlichen Definition in § 1 GenG sind Genossenschaften Gesellschaften, die die Förderung ihrer Mitglieder mittels eines gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebes bezwecken. Die Förderung ist dabei auf bestimmte Zwecke eingegrenzt. Beispiele sind Kreditgenossenschaften (z.B. die Volks- und Raiffeisenbanken), Verbrauchergenossenschaften (Konsumvereine) oder auch Bau- und Wohnungsgenossenschaften. Anders als bei einer  Kapitalgesellschaft reicht es für eine Genossenschaft nicht, wenn sie auf die Auszahlung des erwirtschafteten Gewinns beschränkt ist. Die Förderung der Mitglieder  ist als Hauptzweck zwingend erforderlich. Der in der Satzung vereinbarte Zweck einer Genossenschaft muss sich danach richten, den Erwerb oder die Wirtschaft ihrer Mitglieder (wirtschaftliche Zwecke) oder deren soziale oder kulturelle Belange (ideelle Zwecke) durch einen gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb zu fördern. Die Begriffe „sozial“ und „kulturell“ sind dabei weit zu fassen, in den Anwendungsbereich fallen alle ideellen und karitativen Unternehmenszwecke[4]

Nach den schon genannten Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung stellen Genossenschaften eine Alternative zu einem rein profitorientierten Wirtschaften dar. Es ist bemerkenswert, dass die UNO in Zeiten von „Finanz-, Staatschulden und Währungskrise und unter der Drohung von Energieknappheit, Klimakollaps und Hunger den Genossenschaften und anderen solidarischen Formen des Wirtschaften den Rücken zu stärken versucht“[5], so der Politikwissenschaftler Elmar Altvater in der Zeitschrift „Zukunft“.

In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts geriet die Idee der Genossenschaften in Österreich fast in Vergessenheit. Die Raiffeisen- und Volksbanken präsentierten sich in hohem Maße profitorientiert und stellten im Bankensektor und am Finanzmarkt keine solidarische Alternative für Kunden dar. Der Crash des „Konsum“ trug auch nicht gerade zur Wiederbelebung der Genossenschaftsbewegung bei.

Nach der Krise änderte sich das Bild aber schlagartig. Die soziale Dimension des Wirtschaftens und die Suche nach Alternativen zum rein profitorientierten Wirtschaften macht die Genossenschaftsbewegung wieder attraktiv. Der Zulauf zu Genossenschaftsbanken in letzter Zeit war offensichtlich, so Dietmar Rößl von der Wirtschaftsuniversität Wien: „Mit der Wirtschaftskrise haben sie mit Überraschung gelernt, dass sie bei der Bevölkerung attraktiver sind, als sie es selbst geglaubt haben.“[6]

Die EU unterstützt  im Rahmen ihrer 2020 Strategie tatkräftig das „Internationale Jahr der Genossenschaften“.[7] Schon seit 2006 signalisierte die Europäische Union ihr Bekenntnis zu dieser solidarischen Alternative des Wirtschaftens, in dem sie die Möglichkeit schuf, für genossenschaftliche Aktivitäten die Rechtsform der Europäischen Genossenschaft zu wählen.

Gerade im Bankensektor und beim Wohnen stellen genossenschaftliche Verbindungen eine echte Zukunftsperspektive dar: Laut Rößl ist empirisch klar nachweisbar, dass Genossenschaften kaum von der aktuellen Finanzkrise betroffen sind und generell eine sehr geringe Insolvenzrate aufweisen. Das Prinzip Unterstützung eines Projekts statt der Erwartung einer Dividende bringe längerfristige Sicherheit und Stabilität. Genossenschaften  ermöglichen durch solidarische Organisation eine höhere soziale Durchlässigkeit: Einkaufen, Wohnen und Investieren kann – weil unabhängiger vom Markt- kostengünstiger und demokratischer organsiert werden.  In diesem Kontext verstehen sich Genossenschaften als alternative solidarische Form des Wirtschaftens.

Auch abseits dieser Betätigungsfelder schreitet die Genossenschaftsbewegung voran: Lücken, die durch den zunehmenden Rückzug des Staates entstehen, werden vermehrt durch genossenschaftliche Organisationsformen kompensiert: Zu nennen sind vor allem Aufgaben im Sozialbereich wie Kinder- und Altenbetreuung. Das Problem des Greisslersterbens und das in vielen Regionen mangelnde Nahversorgungssystem wird immer öfter durch gemeinschaftliche Kooperationen gelöst. Genossenschaften sind somit eine Antwort auf zunehmend prekäre Lebensbedingungen. Willy Brandt schrieb 1946: „Als wir noch reich waren, wollten wir keine Sozialisten. Jetzt, wo wir arm geworden sind, sind wir gezwungen, es zu werden“[8]. Genossenschaften gründen sich laut Elmar Altvater also vor allem aus Notsituationen und aus einer Rebellion heraus. Die Partizipation von Menschen gegen eine etabliertes System fordert ein Mehr an Demokratie in der Wirtschaft. „Genossenschaften sind folglich Experimentierfelder für gesellschaftliche Alternativen“[9]. In diesem Zusammenhang besteht die Gefahr, dass  funktionierende Beispiele von Genossenschaften als Form von Selbsthilfe, als Lückenbüßer für den Rückzug des Staates oder die Auslagerung staatlicher Aufgaben herhalten müssen.

Genossenschaften, die sich als Teil einer solidarischen Wirtschaftspolitik verstehen, sind eine zukunftsfähige Antwort auf die vorherrschende profitorientierte Logik der Ökonomie.

Weiterführende Informationen:

Arbeitsgemeinschaft genossenschaftswissenschaftlicher Instiute e.V.:

http://www.agi-genoforschung.de/

Fachbereich Genossenschaftswissenschaften der Univerität Wien:

http://genos.univie.ac.at/

Forschungsinstitut für Kooperationen und Genossenschaften der Wirtschaftsuniversität Wien:

http://www.wu.ac.at/ricc

International Year of Coperatives  der Vereinten Nationen:

http://social.un.org/coopsyear/about-iyc.html

Österreichischer Genossenschaftsverband:

http://www.oegv.info/ware/genossenschaft_und_buergergesellschaft

Themenschwerpunkt „Jahr der Genossenschaften- Wirtschaftsdemokratie“ der Zeitschrift „Zukunft“:

http://diezukunft.at/


[2] Siehe offizielle Seite des „Internationalen Jahres der Genossenschaften der Vereinten Nationen“ http://social.un.org/coopsyear/about-iyc.html)

[4] Vgl. juraforum. de, URL: http://www.juraforum.de/lexikon/genossenschaft; Österreichischer Genossenschaftsverband, URL: http://www.oegv.info/

[5] Altvater, Elmar (2012).Giftige Gaben, treue Genossen und das gute Leben,

Zukunft 2/ 2012, S.22

[6] Rößl, Dietmar (2012), URL: http://news.orf.at/stories/2100253/2100254/

[8] Brandt, Willy (1946). Bericht aus Deutschland, S. 307, in: Altvater, Elmar (2012). Giftige Gaben, treue Genossen und das gute Leben, Zukunft 2/ 2012, 23

[9] Altvater, Elmar (2012).Giftige Gaben, treue Genossen und das gute Leben,

Zukunft 2/ 2012, S.24

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