Einkommensverteilung II – Balance Sheet Recessions

I. Balance Sheet Recessions und Einkommensverteilung

Eine ausgesprochen interessante Analyse der gegenwärtigen Krise hat der Ökonom Richard Koo vor kurzem publiziert (Koo 2011), die Studie ist online hier abzurufen. Koos Studie zufolge ist diese Rezession so tief und lang, weil alle wirtschaftlichen Sektoren – Haushalte, Unternehmen, Banken und Staaten – gleichzeitig versuchen, ihre Bilanz (balance sheet im Englischen) zu bereinigen. Das Resultat ist die schärfste und langwierigste Krise seit der Großen Depression der 1930er Jahre. Was Koo in seinem Paper allerdings nicht behandelt sind die Ursachen der Krise. Anders ausgedrückt: WARUM müssen alle auf einmal ihre Bilanz in Ordnung bringen?

Die Antwort ist folgende: Ausgehend von der Annahme, dass Haushalte ihren Konsum an der nächsthöheren Bezugsgruppe ausrichten, führt eine relative Einkommensverschlechterung dazu, dass diese Haushalte ihre Sparquote reduzieren und ihren Konsum über zusätzliche Verschuldung finanzieren („keeping up with the Joneses“, siehe Morgan und Christen 2002, 2003; Bertrand and Morse (2012)). Der reichste Haushalt wird seinen Konsum erhöhen, wenn sein verfügbares Einkommen steigt. Der darunterliegende Haushalt, orientiert seinen Konsum am nächst höheren Haushalt und erhöht seinen Konsum ebenfalls, um den relativen Statusverlust wieder auszugleichen (relative Einkommenshypothese, siehe Duesenberry 1949), der drittreichste Haushalt orientiert sich wiederum am Konsum des zweitreichsten Haushalts und so weiter. Das geht – bei realisierten Einkommensverlusten – nur über ein Absenken der Ersparnis bzw. eine höhere Verschuldung. Das löst so genannte Ausgabenkaskaden aus, in der jeder Haushalt versucht, seinen relativen Status aus Konsum gegenüber seiner Bezugsgruppe wieder herzustellen. Je weiter oben in der Einkommensverteilung der Einkommenszuwachs stattfindet, desto länger ziehen sich die Kaskaden nach unten, wie in den USA geschehen (Frank & Levine und Frank et al. (2010)). Das führt, auf der Makroebene, zu einem Rückgang der Sparquote, was nach der traditionellen keynesianischen Theorie nicht passieren sollte. Nach Keynes führt eine Umverteilung von unten nach oben zu einem Anstieg der aggregierten Sparquote aufgrund der geringeren Konsumneigung der reicheren Haushalte (Keynes, 2008 [1936], Kapitel 8, S. 65f). Grafik 1 zeigt die Verschuldung der privaten und öffentlichen  Sektoren in den USA seit der Nachkriegszeit (zur Vergrößerung der Grafik einfach darauf klicken):

Grafik 2 zeigt die Entwicklung der wöchentlichen, realen Durchschnittslöhne für drei unterschiedliche Sektoren (Finanzsektor, Güter produzierender Sektor und den Industriesektor als Teilbereich des zweiten Sektors).

Die Verschuldung des Finanzsektors (Banken, Versicherungen,…etc.), die Verschuldung der privaten, nicht-finanziellen Unternehmen und die Verschuldung der privaten Haushalte über Hypothekarkredite (Home mortgage) stiegen besonders stark (siehe auch Claessens 2012). Während die Löhne im industriellen Sektor stagnierten, explodierten sie hingegen im Finanzsektor (Grafik 2). Dieser Gleichschritt zwischen höherer Verschuldung und niedrigeren Einkommen geht so lange gut, so lange die Vermögenspreise steigen, die sich beispielsweise anhand der Hauspreise nachvollziehen lassen.

Grafik 3 zeigt einen der meistverwendeten Indizes zur Abbildung der Immobilienpreisentwicklung, den S&P-Case-Shiller-Index.

Die Hauspreise stiegen ab Mitte der 1990er Jahre gewaltig und erreichten 2006 (Q1) ihren Höchstwert mit 190 Punkten. Das bedeutet, dass sich die Hauspreise in den USA in nur sechs Jahren beinahe verdoppelten. Sobald die Vermögenspreisblase platzt (wie 2007 in den USA und danach auch in Spanien oder Irland) ist das Spiel vorbei – alle Sektoren versuchen gleichzeitig ihre Bilanz in Ordnung zu bringen. Wenn der Staat auch versucht, seinen Haushalt zu „sanieren“, beginnt – so Koo – eine besonders zähe ökonomische Krise. Diese Deutung basiert allerdings auf zwei Grundvoraussetzungen. Erstens, die Haushalte müssen sich wirklich verschulden, und zweitens, die Haushalte müssen dafür auch die Möglichkeit haben – in anderen Worten: es benötigt einen relativ entwickelten und deregulierten Finanzsektor, der die Kredite zur Verfügung stellt. Beides trifft für die USA zu, weshalb sie auch als Epizentrum der Krise gelten.

II. Von der Finanz- zur Wirtschaftskrise

Aus der Finanzkrise wird rasch eine Krise der Realwirtschaft. Grafik 4 zeigt die Anzahl begonnener, in Bau befindlicher und fertiggestellter Bauprojekte in den USA.

Die Krise hinterlässt einen deutlichen Abdruck: Ab etwa 2006 sinkt die Zahl fertiggestellter und in Bau befindlicher Häuser drastisch. Vier Jahre lang wird dieser Rückgang anhalten. Über die verschiedensten Verflechtungen des Bausektors mit Industrie, Dienstleistungen, und anderen Bereichen ist die Verbindung zwischen Finanzkrise und Realwirtschaft schnell hergestellt.Doch zurück zu den zwei Grundvoraussetzungen. Erstens, die Haushalte müssen sich tatsächlich in einem signifikanten Ausmaß verschulden. Zweitens, die Haushalte, die sich verschulden wollen, müssen über einen Zugang zu einem relativ deregulierten und entwickelten Finanzsystem verfügen. Dass das in den USA der Fall war, ist unumstritten. Grafik 5 zeigt den Anstieg der vergebenen Konsumentenkredite, Grafik 6 die Schuldenlast der Haushalte im Verhältnis zum Einkommen.

Die gesamte Finanzindustrie hat sich ihr eigenes Mikrosystem geschaffen, das für die gesamte Volkwirtschaft der USA zunehmend zur Bedrohung wurde. Grundlage dieser Krise war allerdings die zunehmende Ungleichverteilung der Einkommen für einen großen Teil der US-amerikanischen Haushalte, die die erhöhte Verschuldung erst notwendig machte. Noch eine Anmerkung zum Schluss: Die in diesem Beitrag präsentierte Theorie (Relative Einkommenshypothese) und die Empirie beschränkt sich auf die USA als Epizentrum der Krise. Daraus soll unter keinen Umständen eine generalisierbare Aussage abgeleitet werden, die für alle Länder zu jeder Zeit Gültigkeit hat. Es handelt sich um eine Arbeitshypothese für die es – zumindest in den USA – einige empirische Evidenz gibt (siehe Maki und Palumbo 2001 oder Bureau of Economic Analyisis).

Literatur:

Bertrand, Marianne and Adair Morse (2012): Trickle Down Consumption

Duesenberry, James S. (1949): Income, Saving and the Theory of Consumer Behavior, Cambridge (Mass.): Harvard University Press

Frank et al: Expenditure Cascades

Frank & Levine: Expenditure Cascades

Keynes, John M. (2008 [1936]): The General Theory of Employment, Interest and Money, Therichestmaninbabylon.org

Koo, Richard (2011): The world in balance sheet recession, real world economics review, 58, pp. 19-37

Maki, Dean M. und Michael G. Palumbo (2001): Disentangling the Wealth Effect: A Cohort Analysis of Household Saving in the 1990s

Morgan, R. und M. Christen (2002): Keeping up with the Joneses: Conspicuous Consumption, Income Inequality and Americans‘ addiction to Debt, INSEAD Working Paper, 2002/84/MKT

Morgan, R. und M. Christen (2003): Keeping up with the Joneses: The effect of Income Inequality on Demand for consumer credit, INSEAD Working Paper, 2003/67/MKT

 Weitere Lesetipps:

Claessens (2012): Shredding Debt, Finance & Development 49 (2), pp. 20-23

Koo (2009): The Holy Grail of Macroeconomics – Lessons from Japan’s Great Recession, John Wiley and Sons

Van Treeck (2012): Did Inequality cause the US financial crisis? IMK Working Paper 91

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