Was wurde eigentlich aus….. Flexicurity?

Zu Beginn des Millenniums sahen Arbeitgeberverbände und viele Ökonomen eine düstere Zukunft für Europas Wirtschaft voraus: Steigende Arbeitslosenzahlen, sinkende Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den asiatischen Staaten und mangelnde Flexibilität auf den Arbeitsmärkten. Europa müsse auf die neuen Rahmenbedingungen und Herausforderungen der Globalisierung reagieren, hieß es.

Vor diesem Hintergrund orientierte sich die EU 2007 bei den Zielvorgaben für ihr Beschäftigungsprogramm am sogenannten Flexicurity Modell. Ausschlaggebend war der Bericht der Europäischen Kommission: „Gemeinsame Grundsätze für den Flexicurity-Ansatz herausarbeiten: Mehr und bessere Arbeitsplaätze durch Flexibilität und Sicherheit“ .

Hinter diesem Ansatz steht der Versuch, Flexibilisierungsprozesse aus unternehmerischer Perspektive mit sozialen Sicherheitsaspekten für die Arbeitnehmerseite zu verbinden. Diese Agenda wurde in der Literatur unter dem Schlagwort „Flexicurity“ zusammengefasst. Diese Wortneubildung setzt sich aus zwei divergierenden Substantiven zusammen: Flexibilität (flexibility) und Sicherheit (security).Die Eckpunkte sind ein schwach ausgeprägter Kündigungsschutz, hohe Ausgleichszahlungen bei Arbeitslosigkeit und eine verstärkte aktive Arbeitsmarktpolitik.

Die Europäische Kommission begann dieses Konzept in den Mitgliedsstaaten intensiv zu bewerben. In Österreich, wie auch in vielen anderen Staaten, wurden Arbeitsmarktpakete mit dem in Mode gekommenen Wort Flexicurity versehen (in Österreich zum Beispiel das „Flexicurity Paket“ im Jahr 2007).

Das Konzept war sehr vage konzipiert und wurde als Exportprodukt zur simplen Lösung komplexer Arbeitsmarktprobleme stilisiert. Die Wortneubildung Flexicurity suggeriert ein Ende des Klassenkonflikts zwischen Kapital und Arbeit, denn s scheint so, als gäbe es keine großen Interessenskonflikte mehr, die man nicht mit einem einfachen Kompromiss zwischen Flexibilität und sozialer Sicherheit beheben könnte. Es lässt sich jedoch nachweisen, dass tatsächlich in den meisten Fällen die Interessen der Unternehmen und Arbeitgeber dominieren: Schwach ausgeprägter Kündigungsschutz und reduzierte Arbeitnehmerechte. Die abfedernde Komponente der sozialen Sicherheit hinkt da hinterher. Die Gründe liegen auf der Hand: Flexibilisierungsmaßnahmen sind für den Gesetzgeber günstiger zu implementieren und auch besser zu vermarkten als soziale Sicherheitsmaßnahmen. Gerade in budgetär angespannten Zeiten steht die Sicherheitskomponente unter Druck: Der liberale Kündigungsschutz bleibt, Ausgaben für das Sozialsystem werden zurück gefahren.

Das Vorzeigeland Dänemark hatte während der Finanzkrise mit seinem idealtypischen Flexicurity Modell große Probleme[i]: Die zu Beginn der Krise nach dem „hire & fire“ Prinzip rasch gekündigten ArbeitnehmerInnen, konnten nicht mehr im selben Ausmaß in den Arbeitsmarkt integriert werden. Staaten mit einem geringeren Grad an Flexicurity und einem höheren staatlichen Steuerungspotential des Arbeitsmarktes wie zum Beispiel Deutschland und Österreich meisterten diese Phase der Rezession viel besser (Stichwort Kurzarbeit)[ii].

Dieser Wandel zeigt sich auch bei der Sichtung der wissenschaftlichen Literatur[iii]: Noch vor ein paar Jahren gab es eine Fülle von Publikationen über die Umsetzungspotentiale und -pfade für nationale Arbeitsmärkte. Aktuellere Publikationen haben einen kritischeren Fokus und thematisieren die Probleme von „Flexicurity- Staaten“ während der Finanzkrise viel stärker. Von einem Zukunftsmodell für die Entspannung von Europas angespanntem Arbeitsmarkt ist nicht mehr die Rede.


[i] Zum Beispiel. Madsen, Per Kongshöj. 2010. „«Das dänische Arbeitsmarkt-Modell ist kein Exportgut mehr» Professor Per Kongshöj Madsen über Veränderungen und die Herausforderungen für das Flexicurity-Konzept.“ 8.9.2010.

[ii] Herzog- Stein, Alexander, Fabian Lindner, and Till Van Treeck. 2010. Vom Krisenherd zum Wunderwerk? Der deutsche Arbeitsmarkt im Wandel. IMK Report 56

[iii] Burroni, L., and M. Keune. 2011. Flexicurity: A conceptual critique. European Journal of Industrial Relations 17 (1): 75.

Herzog- Stein, Alexander, Fabian Lindner, and Till Van Treeck. 2010. Vom Krisenherd zum Wunderwerk? Der deutsche Arbeitsmarkt im Wandel. IMK Report 56.

Jorgensen, Henning. 2011. Danish »Flexicurity« in Crisis –Or Just Stress-tested by the Crisis? Friedrich Ebert Stiftung- International Policy Analysis.

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