Arbeitsbeziehungen 2030- Vier Szenarien

Das Europäische Gewerkschaftsinstitut (ETUI) hat in Zusammenarbeit mit dem Institut für Prospektive Studien e.V. (IPA) vier Zukunftsszenarien für die Entwicklung der Arbeitsbeziehungen in Europa entwickelt.

Ein Schwerpunkt und eine Kompetenz des Zentrums für Zukunftsstudien liegt in der Entwicklung von Szenarien gesellschaftlich relevanter Prozesse (zum Beispiel: EU- Projekt INTEGRAL, Zukunftsstrategien für eine alternsgerechte Arbeitswelt). Aus diesem Grund wird diese Studie hier vorgestellt.

Die Studie

Die Studie geht davon aus, dass sich Arbeitnehmervertretungen in Europa mit großen Herausforderungen konfrontiert sehen. Stichworte in diesem Zusammenhang sind eine zunehmende globalisierte wirtschaftliche Verflechtung, Änderungen in der Struktur der Arbeit wie der Anstieg von Teilzeitbeschäftigung und prekärer Beschäftigungsverhältnisse oder Austeritätspolitiken. Trotz einer sich vertiefenden Vernetzung von Gewerkschaften auf einer supranationalen, europäischen Ebene, müssen Gewerkschaften häufig auf nationale Instrumente für die Interessensvertretung zurückgreifen. Vor diesem Hintergrund zeichnet die Studie vier mögliche Zukünfte der Arbeitsbeziehungen in Europa bis zum Jahr 2030. Für die Autoren der Studie sind alle vier Entwicklungen denkbar und keine gänzlich ausschließbar.

Nach der Vorstellung der vier Szenarien in Form von Kurzfassungen werden zu jedem dieser Entwürfe sogenannte Geschichten erzählt. Hier werden fiktive Erzählungen von Personen in den Jahren 2010, 2020 und 2030 im Kontext des jeweiligen Szenarios präsentiert. Darauf folgen die Langfassungen der vier Entwürfe über die  Zukunft der Arbeitsbeziehungen in Europa. Abgerundet wird die Studie, durch eine kurze Darstellung der Methodik und Anregungen zur Arbeit mit den Szenarien.

Die vier Szenarien

Im ersten Szenario „Das Leben geht weiter“ wird eine Zukunft der Arbeitsbeziehungen in Europa im Kontext der Überwindung der aktuellen Finanz- und Eurokrise beschrieben. Der europäische Wirtschaftsraum ist nicht nur durch die Krise angeschlagen, sondern wird auch von dynamischen Schwellenländern unter Druck gesetzt. Die Stimmung ist pragmatisch und es ist kein Platz für große Visionen. Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen genießen ein gutes Image, da sie sich bei der Überwindung der Rezession als verlässlicher Partner präsentiert haben. Trotzdem kämpfen die Gewerkschaften mit einer schwindenden Mitgliederzahl, der sie durch eine Schwerpunktsetzung auf Dienstleistungen begegnen wollen. Allgemein haben sich in diesem Szenario Gesellschaft und Gewerkschaft gut mit den neuen Bedingungen der Wirtschaftsbeziehungen arrangiert. Der starke Anstieg prekärer Beschäftigungsverhältnisse bleibt das dringlichste Problem.

Der zweite Entwurf einer möglichen Zukunft hat das Motto „GRID-Das Netz“. Hier wird davon ausgegangen, dass es zu einem neuen Verständnis und Gleichgewicht zwischen Sozial-, Wirtschafts-, und Umweltebene gekommen ist. Durch das Entstehen eines neuen globalen Bewusstseins kommt es zu einer Reihe von supranationalen und transnationalen Regulierungen, denen sich auch Unternehmen freiwillig unterziehen. Ein enges Netz aus Regulierungen und Institutionen eröffnet Möglichkeiten für die Schaffung eines neuen weltweiten politischen Systems. Die Arbeitsbeziehungen sind einem rasanten Wandel ausgesetzt, wobei die Gewerkschaften diesen Transformationsprozess aktiv mitgestalten. Gewerkschaften ändern bis ins Jahr 2030 ihre Struktur grundlegend.

„Allein/Alles aus“ lautet der Titel des dritten Szenario, indem es eng für die Gewerkschaftsbewegung wird: Die wenigsten Menschen finden sich in den „klassischen“ Strukturen der Erwerbsarbeit wider. Damit geht auch ein massiver Bedeutungsverlust der gewerkschaftlichen Interessenvertretung einher, die in diesem Wandlungsprozess der Arbeitsgesellschaft kein relevanter Akteur mehr zu sein scheint. In diesem Zukunftsentwurf entwickeln sich neue Formen von Solidarität, Netzwerken und Gruppen, in denen individuelle Beziehungen eine größere Rolle spielen als die traditionellen gewerkschaftlichen Kollektive.

Negativ geht es im Zukunftsentwurf „Der verlorene Kuchen“ zu: Die Symptombehandlungen der Finanzkrise haben Probleme nur kurzfristig gelöst und Vieles verschärft: Die Kluft zwischen Besitzlosen und Besitzenden  ist größer geworden und der Mittelstand ist stärker als früher von sozialen Risiken, wie etwa  Armut, betroffen. Einhergehend mit diesen Entwicklungen ist das Vertrauen in Institutionen und Politik an einem Tiefpunkt. Es kommt zu einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft, immer mehr Gruppen machen sich gegen die „Krisenverursacher“ Luft. Die Gewerkschaften müssen sich nach Jahren relativen Wohlstands mit den neuen Rahmenbedingungen von Knappheit und Individualisierung zu Recht zu finden. Die Studienautoren prognostizieren eine mögliche Spaltung der Gewerkschaftsbewegung: Während die eine Gruppe durch gezielte Projekte versucht, der sich verbreiternden Hoffnungslosigkeit mit Solidarität entgegen zu treten, entstehen auf der anderen Seite radikalere und aktionistisch orientierte gewerkschaftliche Splittergruppen.

Methodik der Szenarien-Erstellung

Die Studienherausgeber grenzen Szenarien von Prognosen und Utopien ab, und verstehen darunter „(…) die erzählerische Darstellung einer möglichen zukünftigen Situation. Eine Geschichte oder eine Analyse von etwas, das erst stattfinden wird“ (Stollt/Meinert 2010,S. 65).

Für die Erstellung der Szenarien wurden zwei Workshops organisiert in denen gemeinsam mit „ExpertInnen“ aus dem Bereich Gewerkschaften, Betriebsräten, Beratung, Personalmanagement und Wissenschaft gemeinsam über Trends, Entwicklungspfade der europäischen Arbeitsbeziehungen reflektiert wurde. Mit Hilfe eines Moderatorenteams und einer Arbeit in Kleingruppen und im Plenum wurden Rohszenarien entwickelt, die von den Szenario-ForscherInnen nach den Workshops „verfeinert“ wurden. Für die Strukturierung dieses Prozesses wurden „mentale Hilfsmittel“ eingesetzt: Erstens werden Einflussfaktoren in „Drivers“ und „Givens“ unterteilt. Drivers sind Einflussfaktoren, die mit großer Sicherheit die Zukunft gestalten, der Grad und die Richtung aber noch ungewiss ist, also kontrovers sind (zum Beispiel geht es hier um Fragen des Arbeitsmarktes, wie etwa die zukünftige Entwicklung der Teilzeitbeschäftigung). Givens hingegen sind Einflussfaktoren, deren Richtung schon sehr bestimmt und im Szenario-Zeitraum bis 2030 einschätzbarer sind (hier ist als Beispiel die demografische Bevölkerungsentwicklung zu nennen). Als zweites Hilfsmittel dient der „Zukunftskompass“, über den mit Hilfe der Drivers und Givens mögliche Szenarien entwickelt werden (siehe S. 67-69 der Studie).

Die Studie „Arbeitsbeziehungen 2030- Vier Szenarien“ ist ein lohnenswerter Beitrag, für alle die sich für die zukünftige Entwicklung von gewerkschaftlicher Interessensvertretung im Rahmen der europäischen Arbeitsbeziehungen interessieren. Der hier abgesteckte Rahmen stellt eine brauchbare Orientierung und Ausgangsposition für weitere Forschungen, die sich mit den Zukünften der Arbeitsbeziehungen beschäftigen, dar. Gerade für die von Herausgebern vorgeschlagene Adaption dieser vier Szenarien für die jeweiligen nationalen  Kontexte (siehe S. 70/71 der Studie), können sich spannende aufbauende Studien beziehungsweise Forschungen entwickeln.

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