Der Strukturwandel Barometer

„Die Arbeitszeiten werden bunter und vielfältiger, wieder länger, aber auch kürzer, auf jeden Fall flexibler, “ so der Sozialwissenschafter Hartmut Seifert über die Zukunft der Arbeit im Kontext von Flexibilisierung am deutschen Arbeitsmarkt. Die österreichische Arbeitswelt ist auch in Bewegung: Bekannte Strukturen wie der klassische Normalarbeitstag verändern sich und neue Beschäftigungsformen wie etwa Teilzeitarbeit steigen rasant an. Strukturwandel als Garant für zukunftsfähiges Wirtschaften und für eine lebendige Unternehmenslandschaft ist ein Schlagwort in Debatten und Publikationen rund um das Thema Arbeit und Wirtschaft. Dahinter versteckt sich meist nichts anderes als der Druck auf die ArbeitnehmerInnen, also ihre Arbeitskraft und Arbeitsleistung flexibler zur Verfügung zu stellen.

In Österreich hat sich in den letzten Jahren ein merklicher Strukturwandel in Richtung mehr Flexibilität erkennen lassen. Dabei stand hier aber die Arbeitgeber-Definition von Flexibilität  mehr im Vordergrund als den Flexibilisierungswünschen von ArbeitnehmerInnen nachgekommen wurde, die sich nicht zwangsläufig an Produktionszyklen orientieren.

Ein Beitrag von Ines Grössenberger und Tobias Hinterseer.

Die Studie

Die Arbeiterkammer hat zusammen mit dem Institut für empirische Sozialforschung in Wien (IFES) erstmals 269 Betriebsrätinnen und Betriebsräte zu ihren Einschätzungen und Erfahrungen mit diesem Strukturwandel befragt. Die Ergebnisse wurden letztes Jahr in der Studie „Strukturwandel–Barometer. Hochschaubahn Arbeitswelt:Flexibilisierung-Zeitdruck-Auslagerungen“ zusammengefasst und veröffentlicht. Georg Michenthaler, Projektkoordinator der Studie und wissenschaftlicher Projektleiter am IFES in Wien, hält fest, dass dieser Strukturwandelbarometer keine „harten Fakten“ liefert sondern mehr auf die subjektiven Einschätzungen der Betriebsrätinnen und Betriebsräte hinsichtlich unterschiedlicher Indikatoren eingeht. Die Ergebnisse sind daher kein direktes Abbild der Realität, doch spiegeln sie die Trends und Entwicklungen des innerbetrieblichen Strukturwandels sowie des Klimas in den Unternehmen wider (vgl. oe1.at 2013). Der Strukturwandelbarometer wird ab sofort halbjährlich erhoben, um mittel- bis langfristig ein Stimmungsbild des Strukturwandels in der Arbeitswelt und dessen Auswirkungen auf die Beschäftigten liefern.

Für die Strukturierung der Erhebung sowie der Auswertung wurden folgenden fünf Dimensionen des Strukturwandels definiert:

Arbeitsbedingungen und Arbeitsumfeld

Beschäftigungsstruktur

Unternehmensstruktur

Unternehmensstrategie

Mitbestimmung

Die Ergebnisse

Der strukturelle Wandel beziehungsweise die Flexibilisierungsentwicklungen sind ein fester Bestandteil der Arbeitswelt. Mehr als die Hälfte der befragten BetriebsrätInnen erkennt durchaus die Notwendigkeit von strukturellem Wandel als wichtige Voraussetzung für die positive Entwicklung von Unternehmen. Das Problem liegt jedoch in der Verteilung der Vorteile: Über 80 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass es die EigentümerInnen und Unternehmen sind, die von diesen Entwicklungen am Arbeitsmarkt am meisten profitieren. Dies unterstreicht auch Alice Kundtner von der Arbeiterkammer Wien und stellt fest, dass es eben die Belegschaften sind die in dieser Entwicklung zurückfallen (vgl. oe1.at 2013).

Insbesondere im Bereich „Arbeitsbedingungen und Arbeitsumfeld“ orten die BetriebsrätInnen einen verstärkten Druck durch erhöhte Flexibilisierungsanforderungen. Interessant ist auch, dass die Betriebsrätinnen und Betriebsräte die betriebswirtschaftliche Sinnhaftigkeit von steigenden Anforderungen an die ArbeitnehmerInnen durch Flexibilisierungen stark bezweifeln. Die zunehmenden Vor- und Nacharbeitszeiten drücken aus Sicht der BetriebsrätInnen den Lohn, wo (vor allem im Handel) ein geringerer Stundenlohn geortet wird als dies noch ein halbes Jahr früher der Fall war.

Die Einschätzungen der Betriebsräte werden durch die Ergebnisse des Arbeitsklima Index, welcher von der Arbeiterkammer seit Jahren regelmäßig erhoben wird und die subjektiven Einschätzungen der Beschäftigten zu ihrer Arbeitssituation misst, bekräftigt. Erhöhte Flexibilisierungsanforderungen, zum Beispiel in Form von zu leistenden Überstunden, sind mittlerweile für 42 Prozent der ArbeitnehmerInnen an der Tagesordnung. Dies wirkt sich Zusehens negativ auf die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben aus. Zudem steigen die Belastungen am Arbeitsplatz seit Jahren, Zeitdruck stellt die Nummer eins dar. Jede/r zweite Beschäftigte gibt an, sich stark oder eher stark durch Zeitdruck am Arbeitsplatz belastet zu fühlen, ein ständiger Arbeitsdruck ohne Zeit zu verschnaufen stellt für insgesamt 30 Prozent der Beschäftigten eine Belastung dar.

Es bestätigt sich auch, dass ArbeitnehmerInnen von diesen Veränderungen am wenigsten profitieren, vor allem aus monetärer Sicht. Würden sich die zunehmenden Flexibilisierungsanforderungen zumindest auf die Bezahlung der ArbeitnehmerInnen positiv auswirken, so könnte dies eine Art Ausgleich für die Flexibilitätsbereitschaft der ArbeitnehmerInnen schaffen. Das in den letzten Jahren nur mäßig wachsende Erwerbseinkommen zeigt allerdings das Gegenteil. Immer mehr ArbeitnehmerInnen geben an, dass ihr Einkommen nicht mehr zum Leben ausreicht, im Jahr 2012 sind es bereits 17 Prozent.

Vor allem in Bezug auf den Wandel der Beschäftigungsstruktur zeigt die Befragung eindeutige Ergebnisse:  In den Unternehmen der Befragten steigt die Teilzeitquote stetig an – in 37 Prozent der Unternehmen sind mehr als 10 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit beschäftigt. Die Studie zeigt aber auch den starken Anstieg der Leiharbeitskräfte auf- in größeren Betrieben sind dies tendenziell über 10 Prozent der Belegschaft. Laut Bernhard Achitz vom ÖGB wird die Leiharbeit als negative Entwicklung wahrgenommen. Die BetriebsrätInnen unterstützen aber auch immer stärker die LeiharbeiterInnen, da eine gespaltene Belegschaft nicht erfolgreich ihre Interessen durchsetzen kann (vgl. oe1.at 2013).

Die BetriebsrätInnen spüren zudem eine geringere Einbindung bei der Geschäftsordnung sowie größere Lücken bei der Information der Geschäftsführung sowie einen generellen Einflussverlust von Betriebsräten. 35 Prozent der Betriebsrätinnen und Betriebsräte sehen sich mit einem zunehmend schlechter werdenden Betriebsklima konfrontiert.

SWB

Abbildung Arbeitsumfeld/Arbeitsbedingungen

„…% der Befragten haben in den letzten sechs Monaten eine Zu- oder Abnahme bei dem jeweiligen Item wahrgenommen“Quelle:  Michenthaler, Georg et.al. (2012).Strukturwandelbarometer. Hochschaubahn Arbeitswelt:Flexibilisierung-Zeitdruck-Auslagerungen, Studie der Arbeiterkammer Wien und IFES, Wien, S. 8

Flexibilisierungen und Deregulierungen am Arbeitsmarkt sind ein bestimmender Trend der Arbeitswelt in Europa und Österreich. Dabei stehen sich grundsätzlich zwei Positionen gegenüber: Die Arbeitgeber wünschen sich mehr „Arbeit auf Abruf“ während die Arbeitnehmer „Freizeit auf Abruf“ (Popp/Pausch/Hofbauer 2010) als Flexibilisierung bevorzugen. Ein zentraler Aspekt für die Zukunft der Arbeit ist eine faire Verteilung von Flexibilitätsforderungen und Flexibilitätsanforderungen. Die geplanten halbjährlichen Erhebungen und Publikationen des AK Strukturwandelbarometer liefern eine nützliche Analyse des jeweiligen Ist-Zustands dieses Strukturwandels.

 

Quellen:

Oe1.orf.at (2013). AK präsentiert „Strukturwandel-Barometer“, Oe1 Morgenjournal vom 15.02.2013, URL: http://oe1.orf.at/artikel/331464, abgerufen am 09.04.2013Lang, Roland/

Grössenberger, Ines (2013): Arbeitsklima Index Salzburg 2012. Unveröffentlichter Bericht. Im Auftrag der Arbeiterkammer Salzburg. Salzburg

Leitsmüller, Heinz (2013). Hochschaubahn Arbeitswelt: Flexibilsierung-Zeitdruck-Auslagerungen, in: Wirtschafstpolitik-Standpunkte 01/2013, Arbeiterkammer Wien, 15-16

Michenthaler, Georg et.al. (2012).Strukturwandelbarometer. Hochschaubahn Arbeitswelt:Flexibilisierung-Zeitdruck-Auslagerungen, Studie der Arbeiterkammer Wien und IFES, Wien

Popp, Reinhold/ Hofbauer, Reinhard/ Pausch, Markus (2010). Lebensqualität-Made in Austria: Gesellschaftliche, ökonomische und politische Rahmenbedingungen des Glücks, LIT Verlag, Münster


Advertisements

Kommentare deaktiviert für Der Strukturwandel Barometer

Eingeordnet unter Arbeitsklima und -zufriedenheit, Zukunft:Arbeit

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.