Integration im Stadtteil. Gesellschaftliche Integration aus sozialräumlicher Perspektive.

Im April dieses Jahres titelte die Wochenzeitschrift „Die Zeit“: „Es gibt keine Ghettos! Wie lassen sich Migranten am besten integrieren? Nicht durch naive Toleranzappelle, sondern durch Segregation“. Der Autor, Soziologe Walter Siebel, plädiert dafür, mit dem Thema Segregation möglichst offen umzugehen. Unter Segregation – ursprünglich ein negativ besetzter Begriff – versteht man die Abtrennung von einzelnen Bevölkerungsgruppen in eigenen, dann von ihnen zahlenmäßig dominierten Stadtteilen. Segregation gelte es dann zu vermeiden, wenn sie unfreiwillig geschieht. Dies kann die Folge von kollektiv niedrigen Einkommen sein, die es den Betroffenen nicht erlauben, in „bessere“ Stadtteile zu ziehen. Erfolgt Segregation aber freiwillig, so ist sie positiv zu bewerten, denn sie bietet Vorteile für die Betroffenen. Beispielsweise folgt die gemeinsame Ansiedlung in den sogenannten ethnisch segmentierten Quartieren dem Bedürfnis der Eingewanderten nach vertrauten sozialen Netzwerken. Segregation wirkt dadurch insgesamt integrativ.

Diese differenzierte Haltung, die einen Gegenbegriff zum angstbesetzten Begriff der Parallelgesellschaft darstellt, ist äußerst begrüßenswert – ebenso das Kredo an die Politikverantwortlichen in den Städten, dafür zu sorgen, dass MigrantInnen eine möglichst freie Wahl des Wohnumfelds zur Verfügung gestellt bekommen. Sie ist umso mutiger, als dass Segregation sicherlich auch Schwierigkeiten – wie der im Artikel angeführte gebremste Spracherwerb des Deutschen im Alltag – zur Folge haben kann.

Zwei Punkte sollen hier dennoch kritisiert werden:

Zum einen verwendet Siebel eine widersprüchliche Wortwahl: „Brückenkopf vertrauter Heimat“ oder „geschützte Räume des Übergangs“ nennt er die segregierten Stadtteile einmal, ein andermal sagt er: „Einwandererquartiere sollten als Dauerinstitution der Stadt akzeptiert werden“. Diese Widersprüchlichkeit legt nahe, dass sein Verständnis von Integration teilweise einer alten, wenngleich noch immer gängigen Vorstellung von Integration folgt. Dies ist die soziologische Vorstellung der 1980er Jahre, nach der Integration das Ziel der Assimilation von ImmigrantInnen in die sogenannte Gastgebergesellschaft hat. Kontakte zur Herkunftskultur sind hier nur vorübergehende Kontakte – „Übergänge“ eben. Stadtteile mit einer hohen Konzentration an Menschen mit Migrationshintergrund werden nicht als fester Bestandteil der Gesamtgesellschaft und als langfristiger Wohnort für MigrantInnen gesehen, sondern als „Brückenköpfe“ mit einer zeitlich befristeten Daseinsberechtigung, die mit Erfüllung ihrer „integrativen“ Funktion erlöschen soll.

Zum zweiten führt Walter Siebel den Begriff der sozialen Durchmischung unpräzise. „Soziale Mischung im Stadtquartier führt zu Konflikten, die sich durch Segregation vermeiden lassen“, heißt es bei ihm. Dabei berücksichtigt er nicht, dass eine soziale Durchmischung stattfinden kann, auch wenn Menschen mit Migrationshintergrund im Quartier unter sich bleiben: die soziale Durchmischung findet dann im ganz herkömmlichen Sinne statt, indem sich die Wohnbevölkerung im Laufe der Zeit in unterschiedliche soziale Gruppierungen teilt, die eben nicht anhand der Herkunft sondern anhand der sozialen Klassen, sprich Einkommensgruppen, differenziert sind. Und diese Form der sozialen Durchmischung ist politisch meist gewollt, weil gerade sie Mitnahmeeffekte der sozial höher Positionierten verspricht, indem sich beispielsweise Kinder aus verschiedenen sozialen Gruppen im Alltag, im Kindergarten oder der Schule zusammenfinden.

Mit genau diesem Phänomen befasste sich der Vortrag „Türkischstämmige UnternehmerInnen in Österreich – wirtschaftliche Selbständigkeit und soziale Aspekte“, die Heiko Berner vom Zentrum für Zukunftsstudien der Fachhochschule Salzburg bei der Fachtagung Land.Stadt.Vielfalt, veranstaltet vom IUFE in Wien, Anfang Juni hielt.

Der Anlass für die sozialräumliche Betrachtung ist eine zunehmende Anzahl von Selbständigen (nicht nur!) innerhalb der türkischstämmigen Bevölkerung in Wien. Dieser Umstand wurde im Vortrag in den Kontext zweier sozialer Entwicklungen gestellt.

Zum einen ist dies das Phänomen, dass Menschen mit nicht-westlichem Migrationshintergrund im Falle des sozialen Aufstiegs häufig nicht aus ihrem angestammten Stadtteil wegziehen – anders als dies Autochthone überwiegend tun. Segregation hat also in vielen Fällen durchaus eine soziale Diversifizierung zur Folge – nur eben nicht anhand des Herkunftsmerkmals, sondern anhand der Einkommensgruppen. Gründe für dieses Verhalten werden in den schon erwähnten sozialen Netzwerken – auch Kundschaften von kleineren Läden zählen hierzu – , oder in der Angst vor Diskriminierung in den autochthon dominierten Stadtgebieten gesehen.

Zweitens: eine mögliche Folge der sich vergrößernden Anzahl von Aufsteigern im Quartier liegt in der – auf den ersten Blick paradox wirkenden – Desintegration der betroffenen Bevölkerungsgruppe. Umso mehr die Personen sich ökonomisch integrieren, umso mehr werden sie sozial ausgegrenzt. Erklärt wird dies mit der stäkeren Konkurrenz, die die AufsteigerInnen für die alteingesessenen Mittelständler darstellen und einer daraus resultierenden Gegenhaltung.  

Der Vortrag versteht sich als Plädoyer für einen gesprächs- und konfliktoffenen Umgang mit diesen sozialen Entwicklungen. Gesellschaftliche Integration in den realen Lebenswelten, das heißt hier: in konkret umrissenen Stadtteilen, wird dann möglich sein, wenn Einzelne die Möglichkeit haben, ihren individuellen Umgang mit Integration zu entwickeln und wenn spezifische Interessen von Gruppen – dies können beispielsweise türkischstämmige oder autochthone EinzelhändlerInnen oder BesitzerInnen von Immobilien sein – in dafür vorgesehenen Räumen formuliert und auf Augenhöhe mit anderen Gruppen im Stadtteil verhandelt werden können.

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