Zur Veröffentlichung des aktuellen Integrationsberichts und der Handlungsempfehlungen des unabhängigen Expertenrats für Integration

In seinem 54-seitigen Papier erarbeitet der unabhängige Expertenrat für Integration aus wissenschaftlichen Erkenntnissen zu den Themen Migration und Integration Empfehlungen für politische Maßnahmen, die dann der Arbeit das Staatssekretärs für Integration, Sebastian Kurz, zugrunde liegen sollen. Dieser betont auch entsprechend die Bedeutung der wissenschaflichen Expertise für ein Thema, das gesellschaftlich nicht immer sachlich verhandelt wird. „Gerade bei einem oftmals emotional behafteten gesellschaftspolitischen Thema müssen Fakten und eine umfassende Expertise für sich sprechen, fernab von Ideologie und festgefahrenen Dogmen“, heißt es in seinem Vorwort.

Im Kreis um Heinz Fassmann, dem Vorsitzenden des Expertenrats, wird daher auch gerne von Evidenz gesprochen – also der besten verfügbaren Belegbarkeit von Sachverhalten. Ein evidenzbasiertes Vorgehen allerdings sollte das Ratgeben möglichst ausschließen und die Schlussfolgerungen PraktikerInnen der realen Welt – hier der Politik – überlassen. Wissenschaft in diesem Verständnis ist gefordert, wissenschaftliche Ergebnisse zur Verfügung zu stellen und eben gerade nicht, sich in Fragen der Politik einzumischen.
Die Durchdringung dieser Verhältnisse und das überaus große Selbstvertrauen des Expertenrats zeigt die folgende Bermerkung aus den Handlungsempfehlungen: „Der Expertenrat für Integration anerkennt, dass religiöse Einstellungen bei vielen Menschen einen besonders hohen Stellenwert haben.“ (S. 25) Besser wäre es, Kompetenzen über Anerkennung gesellschaftlichen Institutionen zu überlassen, und sie aus der wissenschaftlichen Einlassung zu streichen. Eine klarere Trennung der Verantwortlichkeiten wäre wünschenswert, da eine zu große Nähe zwischen wissenschaftlicher Expertise und politisch Verantwortlichen zu problematischen Vermischungen führt, bei denen letztlich nicht mehr unterscheidbar ist, wer in welchem Sinne und vor allem wer wie unabhängig zu argumentieren in der Lage ist. Zu betonen ist überdies, dass die wissenschaftlich-inhaltliche Unabhängigkeit nicht gleichzusetzen ist mit weltanschaulicher Neutralität.

Un damit kommt ein weiterer Punkt ins Spiel: das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Welt. Zentral erscheint hier die Frage, ob die Ergebnisse, die der Expertenrat in Sachen Integration erarbeitet, tatsächlich der Wirklichkeit entsprechen. Wissenschaft beruft sich stets auf wissenschaftliche Theorien. Und diese konkurrieren mitunter um die wirklich wirkliche Sicht der Dinge. Das bedeutet, dass auch den Ergebnissen des Integrationsberichts eine Theorie zugrunde liegen muss und die Ergebnisse sich an dieser einen Theorie orientieren. Sie sind wahr in dem Sinne, dass es sich um theoriegeleitete Ergebnisse transparenter und nachvollziehbarer wissenschaftlicher Untersuchungen handelt. Allein: die Theorie, die hier zum Tragen kommt, ist ein in vielen Belangen veralteter Integrationsbegriff. Zwar liest er sich in den Handlungsempfehlungen (S. 44) als zeitgemäße und international anerkannte Variante, aber – sichtet man die Ergebnisse – so zeigt sich, dass er im Kern auf einen Ansatz der 1980er Jahre zurückgeht, in dem Handeln einzig rationalen Erwägungen folgt, in dem die Identifizierung mit Menschen der gleichen Herkunft als dem Ziel der Assimilation zuwiderlaufend betrachtet wird und in dem Kultur als statisches Gebäude von kanonisierten Inhalten gilt.

Ein Beispiel dafür stellt das folgende Zitat aus den Handlungsempfehlungen dar: „Erwerbstätigkeit sichert das Einkommen und ermöglicht eine strukturierte und soziale Interaktion mit anderen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Die gesellschaftliche Eingliederung und die Verbesserung der Deutschkenntnisse ergeben sich dadurch fast schon automatisch.“ (S. 20) Dies ist in der Realität mitnichten so – es entspricht eher der Zielsetzung der zugrundegelegten Integrationstheorie, nach der ethnische communities als integrationsverhindernd eingestuft werden. Die gesellschaftliche Wirklichkeit hat sich aber längst geändert. Ein türkischer Kleinunternehmer mit überwiegend türkischsprachiger Kundschaft kann strukturell integriert sein – mit eigenem Einkommen, Steuern abführend, eventuell sogar selbst Arbeitgeber – er wird aber keinen Anlass haben, seine Deutschkenntnisse zu vertiefen. Ist er nicht integriert?

Passgenau zu den Vorstellungen einer kanonisierten Leitkultur liest sich folgendes Zitat aus dem Bereich der Bildung: „Der Expertenrat unterstützt weiters die Bemühungen, die Schulpflicht durch eine Bildungspflicht zu ergänzen oder zu ersetzen. Die Zahl der Jugendlichen, die ohne Pflichtschulabschluss das Schulsystem verlassen oder keine weiterführende Ausbildung absolvieren, muss dringend reduziert werden. Der Wunsch nach Einführung einer Bildungspflicht bedeutet, dass die Schulpflicht nicht nach neun Schuljahren, sondern mit dem Beherrschen von klar definierten Fähigkeiten endet.“ (S. 18 f.)

Gegen den Vorschlag, Jugendliche in der Schule gut auf das weitere Leben, auch auf das Erwerbsleben, vorzubereiten, spricht sicherlich nichts. Doch der Rat, dies über eine Bildungsverpflichtung anzustreben, ist äußerst bedenklich. Bildung wird hier mit der Anhäufung von kanonisiertem Wissen gleichgesetzt, ohne die Frage nach der Art und Weise der Vermittlung zu stellen. Eine zeitgenössische Auffassung von Pädagogik setzt Bildung gleich mit dem Prozess der Selbst-Entwicklung durch die Begegnung mit Anderen und mit anderen Weltenwürfen. Diese Dynamik wirkt motivierend und regt zur freiwilligen Selbstreflexion an – sie ist daher als Grundlage von Bildung und als Grundlage für die Vermittlung von Bildungsinhalten geeignet. Bedingung für eine solche Vermittlung von Inhalten ist, dass die Beteiligten sich bereit erklären, ihre Weltsichten und jeweils individuellen Erfahrungen miteinander auszutauschen und in einem wertschätzenden Miteinander eine gemeinsame Lebenswelt zu entwicklen. Einziger Nachteil: Überall wo Inhalte diskutierbar sind, muss von der Lehrerin oder vom Lehrer der Umweg über die Auseinandersetzung mit den SchülerInnen gegangen werden. Andererseits: Das ist unterm Strich wahrscheinlich zeitökonomischer als alle diejenigen SchülerInnen, die es nicht rechtzeitig schaffen, bis zur Volljährigkeit im Unterricht zu behalten.

Die Empfehlung an Sebastian Kurz:

(1.) Die Handlungsempfehlungen im aktuellen Integrationsbericht zeigen, dass die Sphären wissenschaftlicher Evidenz und politischer Entscheidung sich gefährlich nahe kommen können. Die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Expertenrat und Staatsekretariat sollte daher in der Zukunft genau beobachtet werden.

(2.) Den Begriff der Bildung in die Diskussion um Integration prominenter aufzunehmen scheint sinnvoll. Allerdings erfordert dies die Auseinandersetzung mit zeitgemäßen Bildungskonzepten – und mit BildungswissenschaftlerInnen, deren wissenschaftliche Vorstellung allerdings mitunter explizit die Vorstellung von einem besseren Leben und einer besseren Gesellschaft beinhalten, die dann auch offen zur Diskussion stehen müssen.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Zur Veröffentlichung des aktuellen Integrationsberichts und der Handlungsempfehlungen des unabhängigen Expertenrats für Integration

  1. Die Frage haben Politik und Wissenschaft laengst beantwortet. Wir leben in einer Demokratie, dh es gelten die Menschenrechte. Da ist voellig gleichgueltig, welche Sprache jemand spricht. Wenn jemand verfolgt wird, dann muss er geschuetzt werden, muss ihm geholfen werden. ZB muss man ja auch im Strassenverkehr einem Unfallopfer helfen.
    Wenn Frau Netrebko die Staatsbuergerschaft bekommt, muessen sie auch alle anderen bekommen, sonst waere es Diskriminierung.
    Sind nicht (fast) alle Oesterreicher Christen? Dann handelt auch danach, oder beendet die „Wer klopfet an“-Spiele zu Weihnachten! „Gott ist die Liebe“.
    Oder die Sozialdemokratie: dort gilt doch die _internationale_ Solidaritaet.
    Oder FPOe / Burschenschaften: hoechstes Ziel ist die Ritterlichkeit, dh die Armen beschuetzen.