Unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung

1. Teilzeit

Eine steigende Teilzeitbeschäftigung kennzeichnet die europäischen Arbeitsmärkte. Waren Ende der 1990er Jahre noch knappe 16% der Beschäftigten in der Europäischen Union  teilzeitbeschäftigt, so waren dies im letzten Jahr schon ein Fünftel der Beschäftigten. Diese Entwicklung ist in der  untenstehenden Tabelle der Entwicklung der Teilzeitbeschäftigung verdeutlicht:

Abbildung 1: Teilzeitbeschäftigung in der EU

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Quelle: Eurofound (2009). Part-time Work in Europe, 11, Eurostat 2013, Eigene Darstellung

Es kann davon ausgegangen werden, dass dieser Anstieg auch in den nächsten Jahren anhalten wird. Dies hängt von folgenden Faktoren ab: Verstärkte Investitionen in die Kinderbetreuungsmöglichkeiten (zum Beispiel Gratiskindergarten in Wien) und ein Fortschreiten flexibler Arbeitsverhältnisse (Stichworte: Gleitzeit und Arbeitszeitkonto) werden die Teilzeitquote vor allem bei den Frauen, die bereits im Arbeitsprozess stehen, sinken lassen, die Frauenerwerbsquote aber auch weiter erhöhen. Schreibt man den Trend der steigenden Teilzeitbeschäftigung seit dem Jahr 2000 einfach fort (siehe nachstehende Grafik), so ist im Jahr 2020 mit einer Teilzeitquote von mehr als einem Viertel zu rechnen. Nimmt man hingegen den Zeitraum zwischen 2000 und 2012 als Grundlage für die Hochrechnung, so ist bis 2020 ein noch höherer Anstieg zu erwarten. Unter Berücksichtigung der angeführten Faktoren und der jüngeren Trendentwicklung erscheint für das Jahr 2020 eine Teilzeitquote von rund einem Drittel als realistisch (vgl. Abbildung 2). Entsteht hierzulande eine ähnliche Akzeptanz für Teilzeit wie zum Beispiel in den Niederlanden, wo die Teilzeitbeschäftigung bei etwa Prozent liegt (Beispiele sind die vollzeitnahe Teilzeit von Führungskräften und eine höhere Inanspruchnahme der Männerkarenz), wird die Teilzeitquote Österreichs noch stärker ausfallen.[1] Ein weiterer Faktor ist die steigende Lebenserwartung und die bessere gesundheitliche Situation von älteren Menschen, die neben ihrer Pension in geringem Ausmaß arbeiten: Dies wird auch zu einer Zunahme der Teilzeitquote in Österreich führen. In Deutschland sind prekäre Jobs im Zuge der Hartz-IV-Debatte ein bestimmendes Thema (siehe/ vgl. Belabed/ Hinterseer 2013).[2] Die Hans- Böckler-Stiftung in Düsseldorf weist auf die äußerst prekäre Situation von unfreiwilliger Teilzeitbeschäftigung hin und unterstreicht durch diese Feststellung die Haltung der österreichischen Frauenministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) sowie des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Die Wirtschaftskammer in Österreich schätzt das Problem prekärer Teilzeitbeschäftigung deutlich geringer ein und kehrt vielmehr die Flexibilisierungsvorteile gerade für Frauen und Familien mit Kindern hervor. Der Bund Deutscher Arbeitgeber sieht Teilzeitbeschäftigung ähnlich positiv.

Abbildung 2: Trendfortschreibung Teilzeitbeschäftigung für Österreich

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2. Unfreiwillige Teilzeit

Bei der Auseinandersetzung mit dem Arbeitsmarkt-Phänomen Teilzeitbeschäftigung stellt sich die spannende Frage nach der Freiwilligkeit der Beschäftigten in diesem Ausmaß zu arbeiten. Innerhalb der Europäischen Union (EU 27)  hätten gerne 20,5% (2004/ EU 25: 15,9%) der Teilzeitbeschäftigten  eine Vollzeitbeschäftigung. Im Vergleich dazu liegt die Quote in Deutschland bei 18,7%  (2004: 14,2%), in Österreich bei  13,1% (2004: 12,1%). Die Sichtung der Daten zu unfreiwilliger Beschäftigung in Europa lässt einen Zusammenhang zwischen ökonomischer und sozialer Krise und unfreiwilliger (Teilzeit-)Beschäftigung vermuten: In Griechenland (48,7%)  Spanien (45,8%) ist der Anteil jener Menschen, die verfügbar sind und sofort mehr arbeiten würden eklatant höher. Vergleiche hierzu auch. Das Deutsche Bundesamt für Statistik zeigt auf, dass es zwischen den Jahren 2010 (21%) und 2011 (16 %) zwar einen deutlichen Rückgang der unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung gab. Langfristig gesehen ist aber ein eklatanter Anstieg nicht-freiwilliger Teilzeitbetätigung festzustellen. So lag im Jahr 1992 die Quote in Deutschland bei nur 5%. Festgehalten wird auch, dass sich die Einschätzung über Unfreiwilligkeit zwischen Frauen und Männer merklich unterscheidet, da laut Bundesamt 14% der Frauen auf der Suche nach einem Vollzeitjob waren, während es bei den Männern 24% waren. Bei der Betrachtung der Daten muss einmal mehr hervorgehoben werden, dass Teilzeitbeschäftigung weiblich ist: Bis auf einige Ausreißer wie die Niederlande, wo die Teilzeitquote bei Männern über 30% liegt, ist lediglich ein kleiner Teil der Männer in diesem Jobsegment beschäftigt (In Österreich sind es aktuell rund 9%).

Abbildung 3: Teilzeitquoten und Kinder

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Quelle der Grafik

Die Abbildung 3 zeigt, dass etwa für Österreich eine signifikante Beziehung zwischen Teilzeitbeschäftigung von Männern und Frauen und Kinderbetreuungspflichten besteht. So hält die Statistik Austria fest, dass den Daten der Familien- und Haushaltsstatistik zufolge „(…) nach wie vor insbesondere Frauen vor der Herausforderung (stehen) Beruf und Familie zu vereinbaren, während das berufliche Engagement von Männern von der Geburt eines Kindes kaum beeinflusst wird.“ Weitere Gründe zeigt die folgende Tabelle. Hier werden die geschlechtsspezifischen Unterschiede offensichtlich. Frauen sehen doppelt so häufig Betreuung, Pflege sowie andere persönliche und familiäre als Gründe für eine Teilzeitanstellung an  als Männer.

Abbildung 4:  Gründe für Teilzeitbeschäftigung, Österreich

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Quelle: Statistik Austria, Mikrozensus Arbeitskräfteerhebung: Jahresdurchschnitt 2011, eigene Darstellung

Es lässt sich aufgrund der Daten nicht sicher klären, wie hoch der Anteil der unfreiwilligen Beschäftigung in den angegebenen Gründen ist. Gerade in Anbetracht der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Teilzeitbeschäftigung „(…) ist davon auszugehen, dass Veränderungen bei Angeboten für Kinderbetreuung und Pflege Wünsche nach Vollzeit- oder Teilzeitarbeit beeinflussen.“ Die Daten lassen jedoch vermuten, dass Männer weit weniger familiären Betreuungspflichten nachgehen, was auch die Unzufriedenheit von Männern erklärt, in Teilzeit beschäftigt zu sein. Hierzu auch Interessant . Das SORA Institut hat im Jahr 2006 für die Bundesarbeiterkammer eine Studie zu den Beweggründen von Teilzeitbeschäftigten in Österreich herausgegeben (LINK). Hier zeigt sich ganz deutlich, dass bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten einen direkten Einfluss auf den Wunsch nach einer Vollzeitbeschäftigung haben. Die Studie zeigt außerdem, dass 34% der Beschäftigten ihre Teilzeitbeschäftigung als Übergangs- oder Notlösung ansehen. „28% der Teilzeitbeschäftigten (210.000) wünschen sich sofort ein höheres Stundenausmaß. 45% der Männer und 26% der Frauen wollen ihre Arbeitszeit sofort ausweiten“ SORA 2006, 2

Abbildung 5: Begleitumstände von Teilzeitbeschäftigung in Österreich

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Quelle: SORA 2006, Seite 2

3. Fazit

Die Eurostat-Daten gehen von einer Unfreiwilligen-Quote unter den Teilzeitbeschäftigen von rund 9% Frauen und von mehr als 15% bei Männern  aus. Im Vergleich mit dem EU-27 Schnitt sind diese Quoten relativ gering: 25%der der teilzeitbeschäftigten Frauen arbeiten unfreiwillig, bei Männern liegt der Anteil bei 36%. Wenn mehr als ein Drittel der Beschäftigten Männer und ein Viertel der Frauen in Teilzeit unfreiwillig in diesem Jobsegment beschäftigt sind, sollte das Grund zum Nachdenken geben. Die noch immer anhaltenden Wirtschafts- und Finanzkrise scheint auch ein Grund für hohe Teilzeit- und Unfreiwilligkeits-Quoten zu sein. Dies zeigt sich bei der Betrachtung der Länder, die am stärksten von der Krise getroffen wurden, wie etwa Spanien und Griechenland. Ein spannender Aspekt für tiefergehende Forschungen in diesem Zusammenhang ist die Frage: Was sind die Gründe für die im Vergleich zu den Männern hohe Teilzeitquote von Frauen und der damit einhergehenden geringeren Unfreiwilligkeit in diesem Beschäftigungsausmaß zu verbleiben Versteht man unter Arbeitszeit auch Arbeiten außerhalb der Erwerbsarbeit sind es die Frauen die auf höhere Arbeitsstunden kommen als Männer. Die Gründe reichen von Kinderbetreuung, über Pflege bis hin zu anderen familiären Aufgaben die vorwiegend von Frauen verrichtet werden (Belabed/ Hinterseer 2013). Es liegt die Vermutung nahe, dass Schwächen bei der flächendeckenden Kinderbetreuung und oftmals noch vorherrschende patriarchale Gesellschafts- und Familienstrukturen zu den hohen Zufriedenheitsraten von Frauen führen nicht in einen Vollzeitjob wechseln zu wollen.Verlässliche empirische Daten, die diese Vermutung empirisch stützen, fehlen leider beziehungsweise sind mangelhaft..


[1] In den Niederlanden lag die Teilzeitquote 2010 bei 48, 9 Prozent. Quelle: Eurostat (2012).

[2] Zum Beispiel der Undercover-Bericht von Markus Breitscheidel (2008) „Arm durch Arbeit“. Er zeigt Folgen einer Prekarisierung der Arbeit in Deutschland auf.

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