StaatsbürgerInnenschaft auf dem Prüfstand

Die Konferenz „Gendered Citizenship: History, Politics and Democracy“, die zu Ehren der norwegischen Historikerin Ida Blom am 14. und 15. Oktober 2013 an der Universität Bergen stattfand, bot internationalen Gender-ForscherInnen ein vielseitiges Programm. In den drei Hauptsträngen wurde zentralen Fragestellungen zu „Gender in the Public Sphere“, „Sexual Citizenship“ sowie „Representation, Democracy and Freedom“ nachgegangen. Von Frauenrechten im Sudan, über Mediendiskurse bis hin zu Quoten und Frauen in der Legislative reichten die Beiträge von WissenschafterInnen aus Europa, den USA sowie einigen afrikanischen Ländern. Während die konzeptionelle Seite der Konferenz in Bezug auf die Panels hätte gestärkt werden können, bestach die Tagung durch die Keynotes von international renommierten Wissenschafterinnen.

Mit Gayatri Chakravorty Spivak konnte eine Philosophin gewonnen werden, deren Essay „Can the Subaltern Speak?“ als einer der Gründungstexte postkolonialer Theorie gilt. In ihrem Vortrag „What is it to vote?“ betonte sie unter anderem die wichtige Rolle von Bildung „to produce fitness to vote“. Der Human Development Index sei ein wichtiges Instrument, um Schulbildung quantitativ zu erfassen; qualitativ gesehen ginge es aber um humanistische Bildungsarbeit und um die Verwirklichung des Rechts auf intellektuelle Arbeit („right to intellectual labour, to produce problem solvers“). Begriffe wie „democratic intuition“, „imaginative activism“ und „agency of complicity“ wurden aufgeworfen, jedoch nicht näher ausgeführt. Zusammen mit Spivaks komplexen Sprachstil, der sich auch durch ihre Schriften zieht, führte das zu einem erschwerten Verständnis, was im Publikum durchwegs kritisch angemerkt wurde, jedoch ihrer Anerkennung als wichtige feministische Theoretikerin keinen Abbruch tat.

Mit Jasbir Puar wurde eine prominente Queer-Theoretikerin zum zweiten Hauptvortrag eingeladen. Während sich Spivak mit (epistemologischen) Machtverhältnissen aus der Sicht von Subalternen des globalen Südens auseinandersetzt, beschäftigt sich Puar mit Fragen der Repräsentation, Normalisierung und Normierung von Sexualität und Gender-Identitäten. In ihrem Vortrag führte sie den Terminus „transnormative Citizenship“ ein und thematisierte, dass Körper von Transgender-Personen im Spannungsfeld von Behinderung und neoliberaler Optimierung oszillieren. Trans-Körper können potenziell rehabilitiert und transformiert und somit in eine neoliberale Logik integriert werden. Diese Entwicklung verortet sie in einem US-amerikanischen Kontext, in dem sich die politische Aufmerksamkeit zuerst auf die „Integration“ von People of Color gerichtet hatte, dann auf Homosexuelle und aktuell auf Transgender-Personen. Der Begriff „transnormative Citizenship“ lässt sich auch als eine Weiterführung des von ihr geprägten Begriffs „Homonationalism“ verstehen, der beschreibt, wie Homosexuelle in nationalistische Projekte eingebunden werden.

Mit Nationalität als Grundlage von BürgerInnenschaft setzte sich die dänische Politikwissenschaftlerin Birte Siim auseinander. Auf theoretischer Ebene wird in Konzepten zu globaler, postnationaler oder auch transnationaler Citizenship versucht, die Bindung an den Nationalstaat zu lockern. Dies ruft die Frage hervor, ob man in einem solchen Fall überhaupt noch von „Citizenship“ sprechen kann und soll und ob eine Loslösung vom Nationalstaat machbar und wünschenswert ist. Birte Siim führte aus, dass Menschen angesichts von historisch gewachsenen und aktuellen „politics of belonging“ Zugehörigkeit zu verschiedensten Gemeinschaften verspürten und deshalb Versuche, nationale Citizenship aufzulösen, auf Widerstand stoße. Kontextbezogenheit und Situiertheit waren zwei Schlagworte, anhand derer versucht werden soll, abstrakte Modelle von Citizenship wieder an empirische Realitäten zu binden.

Die Soziologin Mounira Maya Charrad beschäftigte sich in ihrem Vortrag „Gender, Islam and Power“ mit familienrechtlichen Themen im Nahen Osten. Ehe, Scheidung, Obsorge und Erbrecht sind die zentralen Elemente des Familienrechts, die in den Rechtsvorschriften der Scharia verhandelt werden. Charrad thematisierte, dass aufgrund der unterschiedlichen islamischen Interpretationsschulen verschiedenste Ausprägungsformen von islamischem Recht existierten, was auch in konzextspezifischen Reformen und frauenbewegten Forderungen erkennbar sei. Somit rückte sie die Intersektion von Geschlecht mit Religion in Bezug auf Citizenship in den Vordergrund.

In ihrer Gesamtheit warfen die Keynotes eine Vielzahl von sozialen Dimensionen auf, die den legalen Status sowie die gelebte Praxis von Menschen in einer politischen Gemeinschaft unter anderem beeinflussen: Geschlecht, Religion, Nationalität, sexuelle Orientierung, Gender-Identitäten und geopolitische Dimensionen. Im eigenen Konferenzbeitrag, der mit „Aporias of Citizenship“ tituliert war, wurde unter anderem der Frage nachgegangen, ob und wie aufgrund der oben genannten und weiteren Dimensionen wie sozialer Schicht, Alter, Krankheit/Behinderung auch die Idee von Citizenship differenziert angelegt werden muss. Feministischen Kritiken zufolge haben klassische liberale Citizenship-Regime einen weißen, männlichen und heterosexuellen Bias; eine daraus abgeleitete Forderung ist die nach „differentiated citizenship“, die auf vielfältige Lebenslagen abhebt. Eine Antwort, wie eine differenzierte Form der StaatsbürgerInnenschaft rechtlich aussehen könnte, wird in der Strategie „diversity in substantive equality“ entworfen. Die zentrale Idee dahinter: Rechte können diversifiziert werden und damit auf verschiedene Lebenslagen eingehen, ohne den Anspruch auf Gleichheit („equality“) aufzugeben. Wie eine solche Strategie konkret rechtlich aussehen kann, wird zurzeit am Zentrum für Zukunftsstudien erforscht.

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