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Einkommensverteilung (I) – die ignorierte Krisenursache

Die letzten drei Jahrzehnte waren geprägt von einer immer ungleicheren Verteilung der Einkommen. Grafik 1 zeigt die Entwicklung der Einkommen der obersten 0,1% und 0,01% der EinkommensbezieherInnen in den USA seit 1913 (Quelle: Top Income Database: http://g-mond.parisschoolofeconomics.eu/topincomes/).

In den USA verschärfte sich die Einkommensverteilung in den letzten 30 Jahren. Zum Teil aufgrund einer immensen Erhöhung der Top-Einkommen (BankerInnen, ManagerInnen, etc.) und zum Teil aufgrund der Steuerpolitik zugunsten der BestverdienerInnen. Interessanterweise erreichte die Ungleichheit der Einkommensverteilung ihren jeweiligen Höhepunkt just bevor es zu einer großen Krise kam. 1928, ein Jahr vor Ausbruch der Großen Depression (1929 – 1939) und 2007 ein Jahr vor Ausbruch der Großen Rezession (2007-?). Die Standardtheorie der Volkswirtschaftslehre hat keine überzeugenden Theorien WARUM die Einkommensverteilung eine Rolle im Hinblick auf große Krisen spielen könnte, im Gegenteil. Eine Umverteilung zugunsten der oberen Einkommensschichten erhöht die Sparquote und damit die Investitionen und das Wirtschaftswachstum.

Im Gegensatz dazu haben alternative ökonomische Theorien negative Einflüsse der steigenden Ungleichheit der Einkommensverteilung ins Zentrum ihrer Analyse gerückt. Die Umverteilung zugunsten der oberen EinkommensbezieherInnen (die über eine höhere Sparquote als die unteren EinkommensbezieherInnen verfügen) hat zu zwei Wachstumsmodellen geführt. In den USA wurde der Nachfrageschwäche des privaten Sektors mit einer expansiven Kreditvergabe begegnet (Barba und Pivetty 2009, Kumhof und Rancière, 2011), um die entstandenen Nachfrageausfälle zu kompensieren, siehe Grafik 2 (Quelle: http://www.midasletter.com/news/09012003_US-and-UK-on-brink-of-disaster.php).

Grafik 2 zeigt, dass vor allem die Verschuldung des privaten Sektors (grüne Linie) in den USA gestiegen ist. Gefährlich war nie die öffentliche Verschuldung, sondern die Verschuldung des privaten Sektors in Verbindung mit deregulierten und kaum bis gar nicht beaufsichtigten Finanzmärkten, sowie die Streuung der verbrieften Kredite in alle Welt (originate and distribute).

In Deutschland – und zum Teil auch in Österreich – setzte sich ein Neo-merkantilistisches Modell mit einer extremen Exportorientierung durch. Obwohl Deutschlands Nachfrageregime lohn-getrieben (Hein und Vogel 2008) ist, wurden Löhne gekürzt, um die Wettbewerbsfähigkeit am Weltmarkt zu steigern und den Nachfragerückgang mit Exporten zu kompensieren. Das führte zu rasant ansteigenden Ungleichgewichten, beispielsweise innerhalb der Eurozone oder zwischen Deutschland und den USA und stellt eine der fundamentalen strukturellen Ursachen der gegenwärtigen Krise dar. Ungleichgewichte, Ungleichheit der Einkommensverteilung und Unterregulierung der Finanzmärkte sind die strukturellen Ursachen dieser Krise. Ein zukunftsfähiges, nachhaltiges Wirtschaftssystem wird sich um genau diese Ursachen kümmern müssen.

Literatur:

Barba, A. und M. Pivetti (2009): Rising Household Debt: Its causes and macroeconomic implications – a long period analysis, Cambridge Journal of Economics 33 (1), pp. 113-137

Hein, E. und L. Vogel (2008): Distribution and growth reconsidered: empirical results for six OECD countries, Cambridge Journal of Economics 32 (3), pp. 479-511

Kumhof, M. Und R. Rancière (2011): Unequal = Indebted, Finance and Development September 2011, p. 25-27

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Exportorientierung nicht zukunftsfähig

Die aktuellen Wirtschaftsprognosen von IHS und WIFO prognostizieren für 2012 ein deutlich verlangsamtes Wirtschaftswachstum von lediglich 1,3% (IHS) bzw. 0,8% (WIFO). Grund ist laut WIFO-Presseaussendung das nachlassende Investitionsvolumen aufgrund von Unsicherheiten in Verbindung mit der (fälschlicherweise so genannten, Anm.) Schuldenkrise. Ein weiterer Grund dürfte wohl eher in der nachlassenden Wirtschaftskraft der Haupthandelspartner Österreichs im Euroraum (v.a. in Deutschland) liegen. Die Spar- und Konsolidierungspolitik der Eurostaaten führt zu einem Einbruch der Nachfrage in diese Länder und damit – wenig überraschend – zu einem Rückgang der österreichischen Exporte in diesen Ländern, die jedoch der Wachstumstreiber des letzten Aufschwungs waren. Aufgrund der zurückhaltenden Lohn- und Einkommenspolitik fällt die Binnennachfrage als Wachstumsmotor ebenfalls aus.

Was es braucht, ist somit Erstens eine expansive Lohn- und Einkommenspolitik zugunsten der untersten und mittleren Einkommen. Deren Konsumneigung (Anteil der Konsumausgaben am zusätzlichen Einkommen) ist weitaus höher als die der oberen Einkommensschichten. Das stärkt die inländische Nachfrage, erhöht die Importe und führt zu einer ausgeglicheneren Leistungsbilanz Österreichs mit seinen Haupthandelspartnern, und verringert so die Ungleichgewichte in der Eurozone. Innerhalb der Eurozone sind die Überschüsse des einen eben auch die Defizite des anderen. Zweitens benötigt es eine expansive Investitionspolitik mit niedrigen Realzinsen bzw. Investitionen der öffentlichen Hand in die produktiven Kapazitäten einer Volkswirtschaft (Bildung, Energieeffizienz, Verkehrseffizienz, etc.) und ein stringentes Konjunkturprogramm um die Unsicherheiten bei den Investoren abzubauen sowie Kaufkraftverluste aufzufangen. Die letzten vier Jahre (v.a. in Griechenland) haben gezeigt, dass sich ein Land eben nicht aus einer schweren Rezession heraus sparen kann. Gerade die Sparpakete und die damit verbundenen negativen bzw. niedrigen Wachstumsraten in der Eurozone beflügeln die Unsicherheiten weiter, reduzieren die Investitionstätigkeit und wirken negativ auf das Wirtschaftswachstum. Drittens braucht es einen stärkeren Fokus auf Fiskalpolitik als stabilisierendes Instrument. Die Konjunkturprogramme sind notwendiger denn je. Kurz: ein New New Deal für Europa. Eine konzertierte Kraftanstrengung mit Geld- und Fiskalpolitik, Einkommenspolitik und Re-Regulierung der Finanzmärkte.

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